222 Lifehacks

 

 

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Die Verdammten

Thompson, Jim

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Erscheinungsjahr : 2014

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Lord vs. Lord

 

Mit 'The Transgressor' hat der Heyne Verlag als vierten Band der Thompson-Reihe eines seiner weniger bekannten Werke herausgebracht, das ins Genre der Lohnschreiberei lappt. Dies und die verworrene Entstehungsgeschichte des Buches mögen erklären, warum es in diesem 1961 enstandenen Krimi von Jim Thompson sogar so etwas wie ein amouröses Ende gibt.

Aber der Reihe nach:

 

Der texanische Ort Big Sands ist durch den Öl-Boom groß geworden. Der Wohlstand ist allerdings ungleich verteilt. Die Bohrtürme haben nicht nur schwarzes Gold, sondern auch die Gier nach oben befördert und die traditionellen Hierarchien zerstört. Der Protagonist Tom Lord stammt aus einer alteingesessenen Familie, hat sein Medizinstudium nach dem Tod seines angesehenen Vaters abgebrochen und ist in Big Sands gestrandet, wo er als stellvertretender Sheriff tätig ist. 

 

Wie das Ölgeschäft de facto läuft, erfährt er, als eine Firma ihm ein Stück Land abkaufen will, das auf einer Ölblase liegt. Tom Lord erhält eine einmalige Zahlung sowie die Zusicherung, an den Gewinnen aus dem Verkauf desjenigen Öls beteiligt zu werden, das von seinem Land kommt. Die Firma baut auf dem Lord'schen Anwesen allerdings nie einen Bohrturm, sondern beutet das Ölfeld über das Nachbargrundstück aus. Lord geht leer aus.

 

Der Mann, der ihn mit diesem Vertrag aufs Kreuz legte, heißt Aaron McBride, dem Anschein nach ein braver, zurückhaltender Mann vom Typus Mitläufer, der mühsam versucht, sein privates Familienglück zu hüten und dafür zum Erfüllungsgehilfen einer mafiösen Organisation wird. Seine mühsam aufrechterhaltene Moral formuliert er für sich so, dass die Firma Lord betrogen hat, nicht er. Lord nimmt die Sache allerdings persönlicher und richtet seine Aggressionen sowie die Macht, die ihm der Sheriff-Stern verleiht, gegen McBride, was dieser nicht überlebt.

 

Dieser Tod löst in Lord einen inneren Konflikt aus, einen Kampf mit seinen Abgründen, dem er selbst den Titel 'Lord vs. Lord' gibt. Es stellt sich die Frage, ob Lord durch die Fiesheit der Welt zum Bösewicht mutiert oder aufgrund seiner individuellen Deformationen - aufgrund des gestörten Verhältnisses zum autoritären Vater - bereits voller Aggressionen war, für die er nur ein Ventil benötigte. 

Der Schuldkomplex akzentuiert sich, nachdem Lord dem Sheriff den Mord an McBride gestanden hat. Er tut dies eher aus einer Laune heruas, wie in einem Experiment (Dostojewskij läßt grüßen), um zu sehen, was mit ihm passiert. Zuerst einmal nichts, denn der Sheriff betrachtet ihn als einen der Seinen. Es kommen dann aber noch weitere Personen ums Leben und eine Frau, ausgerechnet die Witwe McBride, tritt in Lords Leben. Anfangs will sie ihn aus Rache töten, verliebt sich dann aber in ihn und weigert sich, seine Agonie zu akzeptieren.

 

Jeder Psychiater würde in seinem Sessel rotieren, würd ihn ein Explorand mit einer solchen seelischen Konstallation konfrontieren. Lord trägt den Zynismus gegenüber einer Gesellschaft, die er wegen ihrer Gier verachtet, unter der Maske des Kumpels, säuft erheblich, ist latent gewaltbereit; es überkommen ihn sadistische Wandlungen wie romantische Anwandlungen gleichermaßen, was er auch noch in hellen Momenten rational zu durchschauen versteht. 

Analog dazu hat Thompson die Handlung abenteuerlich kurvig konstruiert, mit einer verwirrenden Tempobeschleunigung in der zweiten Hälfte des Textes, und einem für seine Verhältnisse höchst ungewöhnlichen, nämlich glückseligen, Ende. Wann darf einer von Thompsons Figuren - noch dazu, wenn er fast so heißt wie Lou Ford, der psychopatische Sheriff in 'Killer Inside Me' (1952) - von einem Glück in den Armen einer geliebten Frau träumen?

 

Eine Erklärung gibt Tobias Gohlis in seinem Nachwort in Gestalt der konfusen Entstehungsgeschichte des Romans: Thompson arbeitete in den 1950er-Jahren als Drehbuchautor in Hollywood, unter anderem für Stanley Kubrick, für den er die Drehbücher zu 'The Killing' und 'Paths of Glory' schrieb. Aus dem Auftrag zu einem Drehbuch für einen Western um betrogene Goldgräber, der nie gedreht wurde, nahm Thompson einige Motive, verlegte die Handlung aber in die Gegenwarte und die ihm wohlvertraute Umgebung der texanischen Ölexploration. 'The Transgressor' ist eines seiner weniger streng durchkomponierten Werke geworden, in seiner Darstellung von Besessenheit trotzdem durch und durch ein wahrer Thompson.

 

Von Felix Ruhl

 

 

 

 

 

 

 

Galveston

Pizzolatto, Nic

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Erscheinungsjahr : 2014

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An Versuchen, das schwindsüchtige Noir-Genre zu reanimieren, hat es bei deutschen Verlagen nicht gefehlt. Langen Atem haben sie dabei aber nicht bewiesen, wie das Beispiel der von Martin Compart edierten Noir-Reihe zeigt. Ebenso frühzeitig abgeschlossen wurde die schwarze Serie bei Rotbuch ('Hard Case Crimes'). Die Werke der 'Schwarzen Serie' von Bastei-Lübbe muss man im Antiquariat suchen. Frank Nowatzkis Verlag Pulp Master hat in den letzten Jahren mehr Bücher angekündigt als herausgebracht.

 

Bleibt noch der Distel Verlag, über dessen 'Serie in Schwarz' (mit Malet und Manchette) es nichts zu motzen gibt. Vielleicht aber wird es zum allgemeinen Krimi-Neo-Biedermeier mit all seinen Regionalstkrimis bald ein kleines, schwarzes Gegengewicht geben. Der Metrolit Verlag jedenfalls, der bereits mit der schön edierten Neuauflage von Ernst Haffners 'Blutsbrüder' auf sich aufmerksam gemacht hat, ist dazu wild entschlossen.

 

Der erste Beitrag dieser Reihe, von Nic Pizzolatto, heißt 'Galveston', benannt nach jener texanischen Küstenlandschaft, in der schon J. R. Landsdale eines seiner ambitionierteren Werke, 'Sturmwarnung' (Shayol, auch so ein kleiner Widerhaken im homogenisierten Verlagsgeschäft), situiert hatte. Wie Landsdale (oder Woodrell) führt uns Pizzolatto in die Hinterhöfe Amerikas, in abgefuckte Motels und archaische Redneck-Einöden. Er tut dies aber mit einer subtileren Sprache, einer komplexeren Erzählstruktur und einem differenzierteren Wortschatz als die zuvor Genannten, deren rabulistischer Lust an scherenschnitthaften Figuren und drastischer Metaphernakrobatik abhold.

 

Nic Pizzolatto ist mit den Drehbüchern für die HBO-TV-Serie 'True Detective' bekannt geworden. Seinen Debüt-Roman 'Galveston', vor dem Fernseherfolg verfasst, hat er erfreulicherweise nicht ins Korsett einer Struktur gezwängt, die schon beim Schreiben die Regeln von Verfilmbarkeit höher wertet als literarische Qualitäten.

 

Die Figuren entfalten ihre Beweggründe erst im Verlauf der Handlung, die Beziehungen sind und bleiben fragil, Action fällt fast gänzlich flach. Die Dialoge sind nicht Mittel zur Coolifizierung, sondern charakterisieren die Figuren und sind Ausdruck von Stimmungen.

 

Das klingt nicht nach großem Roman? Das vielleicht nicht ganz; 'Galveston' geht aber mit einer spannend ausgebauten wie sorgfältig psychologisierenden Erzähung über die Mittelmäßigkeit des zeitgenössischen Krimi-Genres deutlich hinaus.

 

 

Zum Plot: Nic Pizzolatto wählt als Hauptfigur einen Anti-Helden, einen alternden Killer, Roy Cody, der nach unsubtiler Bekundung eines Arztes, er werde demnächst einem Lungenkrebs erliegen, die Quintessenz eines verschütteten Lebens zu formulieren sucht. Zuvor kommt es aber noch schlimmer. Codys Boss, der ihm gerade die Braut ausgespannt hat, will sich eines Nebenbuhlers entledigen und lockt ihn in einen Hinterhalt.

 

Entgegen dem Befehl hat Roy seine Artillerie aber nicht zu Hause gelassen und kann sich retten. Zu den Überlebenden gehört zufällig auch eine junge Prostituierte, Rocky, die Roy nicht sich selbst überlässt. Es folgt eine Flucht, und das ungleiche Duo wird unversehens zu einem Trio, weil Rocky noch ein kleines Mädchen aus den Klauen seines degenerierten Vaters entreißt. Drei Menschen, die nie die Geborgenheit einer Familie kannten, erfahren so ein brüchiges Zusammengehörigkeitsgefühl, das Pizzolatto in eine Mischung aus sozialem Realismus und Märchenhaftigkeit taucht.

 

Roy und Rocky brauchen sich, verbergen aber jeweils ihre wahren Absichten, sofern sie überhaupt welche haben, voreinander. Anziehung und Abstoßung treiben die Handlung voran und es kristallisiert sich heraus, dass das jäh entwickelte Verantwortungsbewußtsein für die kleine Tiffany nolens volens zum Rettungsanker der gescheiterten erwachsenen Existenzen wird. Aus einem komplexen Geflecht von Verrat und Flucht wird die Geschichte einer Katharsis.

 

Der Herausgeber Gunter Blank vergleicht Pizzolatto im Nachwort mit einem der Heroen des Noir-Genres, Jim Thompson, was etwas hoch gegriffen ist. Die psychologische Abgründigkeit der Thompson-Figuren erreicht Pizzolatto an keiner Stelle. Und doch ist Blanks Urteil zuzustimmen: '... und je weiter man Cody auf seiner Reise ans Ende der Dinge folgt, desto klarer wird, dass hier ein neuer Autor dem Genre des Noir noch einmal eine Wucht verleiht, die man lange Jahre hat vermissen müssen.'

 

Von Felix Ruhl

 

 

 

 

Madoffs Traum

Manotti, Dominique

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Erscheinungsjahr : 2014

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Domique Manotti ist die Mahnerin des literarischen Noir. Die Französin schreibt unter Pseudonym und mit gut strukturiertem marxistischem Weltbild. Ihre Bücher, die gern von politischen und ökonomischen Zusammenhängen handeln, nehmen Stellung zugunsten der Opfer von Geld- und Machtgier. Es geht ihr nicht so sehr darum, die Mechanik von Macht minutiös, wie dies etwa Ross Thomas magistral in seinen Polit-Thrillern tut, als vielmehr darum, Machtmissbrauch zu verurteilen. So nimmt sie auch jenseits des handelsüblichen Zynismus eine systemkritische Haltung ein, quasi Ken Loach in Buchform.

 

Nach dem aufwühlenden 'Ausbruch', in dem es um die Machenschaften der italienischen Geheimloge P 2 ging, hat Dominique Manotti mit 'Madoffs Traum' eine - so von ihr selbst genannte - Novelle auf 53 Seiten geschrieben, die ganz am Rande des Krimigenres steht. Der Falke dieser Novelle ist die Gier. Es geht um Aufstieg und Fall des Bernie Madoff, Hochstapler und Geldwäscher sowie zeitweise Präsident der Technologiebörse Nasdaq, der nach seiner Verurteilung zu 150 Jahren Haft mittlerweile in einem US-amerikanischen Gefängnis einsitzt. Von dort aus lässt Dominique Manotti ihn in Ich-Form eine fiktive Beichte schreiben.

 

Die Nasdaq und die Finanzwirtschaft erscheinen darin als Pokerspiel. Seine Motivation beschreibt der fiktionalisierte Madoff so: 'Ich wollte aufsteigen, mich durchsetzen, gesehen, bewundert, geschätzt werden. Die einzige greifbare Möglichkeit war, viel Geld zu verdienen. Weil Geld das erste, die unmittelbarste Form des amerikanischen Traums ist, der einzige Wert, der einhellig von allen anerkannt und respektiert wird, der Nerv Amerikas. Weil ich an dem, was ich verdiene, mit Gewissheit erkenne, was ich wert bin. Ich kann mich mit meinem Nachbarn messen, und niemand kann meinen Wert bezweifeln. Ein Dollar wird immer ein Dollar sein.'

 

Ganz im Sinne dieses Mantras hat Madoff keine Skrupel, sich als Geldwäscher der Kokain-Mafia anzudienen und deren Erlöse zu legalisieren. Es folgen Insidergeschäfte, Kursmanipulationen und verschachtelte Firmenkonstruktionen nach dem Ponzi-Muster ('Wir produzieren Geld in einem nahezu geschlossenen Kreislauf, wie eine Art Hydrokultur. Wir betreiben einen idealen Kapitalismus, befreit von den Zufälligkeiten der Realität, losgelöst von der Schwerkraft, geradezu poetisch.'), schließlich der Bankrott nach der Immobilienkrise.

 

'Madoffs Traum ist mitunter etwas hölzern, stereotyp geschrieben ('Gier ist eine Tugend. Lebensgier, Geldgier, Liebesgier, Wissbegier - Gier ist die Essenz des Fortschrittsgeistes. Sie ist das, was die Welt in Bewegung versetzt. Sie ist der Motor für das Voranschreiten der Menschheit. Die Gier wird dieses schlecht geführte Unternehmen namens USA retten. Ich denke, dass Gier gesund ist. Sie haben das Recht, gierig zu sein und sich dabei wohl in ihrer Haut zu fühlen.') Man fühlt sich gelegentlich wie in einem Drehbuch von Oliver Stone, der mit Gordon Gecko in 'Wall Street' eine ähnliche Figur wie Madoff geschaffen hat.

 

Leider ist Dominique Manotti keine ganz brillante Artistin, dafür eine scharfe Analytikerin. Die Geschichte des Bernie Madoff, eine 'moralische Erzählung', gestaltet sie als Parabel einer fehlgeleiteten Wirtschaft. Madoff fungiert darin als Sündenbock. Seine exzessive Bestrafung erscheint als Kaschierung eines durchgedrehten Systems, dessen Kombattanten ihren weiterhin exorbitanten Gewinnen den Anschein von Legitimität verleihen. Denn die Verfehlung des Bernie Madoff, der Investoren täuschte, hat, so Manotti, darin bestanden: 'In den Vereinigten Staaten hat man das Recht, die Armen zu berauben, nicht aber die Reichen.'

 

Von Felix Ruhl

 

Die Istanbul Passage

Kanon, Joseph

Nicht mehr erhältlich.

Erscheinungsjahr : 2014

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Uneindeutig und ungewiss ist die Stimmung in diesem Roman. Bis zum Schluß wird nicht so ganz klar, wer auf welcher Seite steht und wieviele Seiten es überhaupt gibt. Dementsprechend hat Joseph Kanon seinen Spionage-Roman (sehr uneindeutige Genre-Zuweisung) in Istanbul angesiedelt, der Stadt, die christliche und islamische Wurzeln hat und an der Scheide zwischen Orient und Okzident steht. Kanons historische Recherchen haben einen historischen Sumpf zutage gefördert, der für eine Spionage-Geschichte den idealen Nährboden liefert.

 

Istanbul direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Türkei, während des Krieges darum bemüht, einigermaßen neutral zwischen den Machtblöcken zu stehen, steht nun vor der Wahl, sich dem russischen Osten oder dem amerikanischen Westen zuzuwenden. Viele Juden, die den Holocaust überlebt haben, nutzen den Bosporus, um per Schiff nach Israel zu fliehen. Im Hintergrund zeichnen sich bereits neue Machtkonstellationen ab. Die Zionisten wollen die Briten aus Palästina bomben, die Amerikaner drängen sich den Türken auf, damit die Russen dies nicht tun.

 

Auf allen Seiten gibt es Agenten und Doppelagenten und der Held der Geschichte, der Amerikaner Leon Bauer, der während des Krieges noch gemeinsam mit seiner Frau Anna, einer deutschen Jüdin, als Schlepper Gutes getan und Juden aus Europa herausgebracht hat, steht vor der Frage, ob das, was er tut, nämlich für die Amerikaner ihm Unbekannte in die Türkei zu schleusen, immer noch gut ist.

 

Am Anfang soll Leon Bauer, im Zivilberuf Tabakhändler (seine Frau liegt zu dieser Zeit schon in einer Art Schockstarre nach einem verunglückten Versuch, ein jüdisches Kind zu retten), für die CIA einen Mann am Hafen abholen. Es kommt zu einem Feuerüberfall, in dessen Verlauf er den Angreifer erschießt und den Flüchtling mit der Hilfe eines Freundes, ein Mossad-Agent, rettet.

 

Es stellt sich dann aber heraus, dass der Mann, den er erschossen hat, sein amerikanischer Auftraggeber war, und der Mann, den er gerettet hat, ein faschistischer rumänischer Judenschlächter. Leon wird zum Bauer in einem Schachspiel, dessen Brett sich rasend schnell dreht, so dass er bald nicht mehr weiß, für wen er eigentlich sein Leben einsetzen soll.

 

Seine Gefühlslage wird zusätzlich dadurch vernebelt, dass er sich in eine Frau verliebt, die die Gemahlin des amerikanischen Botschafters in Ankara ist. Leon Bauer macht zuerst das, für was man ihn angeheuert hat, nämlich den Rumänen zu verstecken - nicht nur vor den Russen, die ihn aus Rache für seine Gräueltaten liquidieren wollen, sondern auch vor den Amerikanern, denen Leon unlautere Absichten unterstellt, und nicht zuletzt vor dem türkischen Geheimdienst, der sich bei den Amerikanern beliebt machen will.

 

Wie ein klassischer Noir-Held von Chandler oder Ambler versucht Leon Bauer, seine Integrität zu bewahren, wenn er sich über die Folgen seines Tuns auch nicht im Klaren sein kann. Wie in jedem guten Spionage-Roman herrscht auch in 'Die Istanbul-Passage' eine beängstigende Atmosphäre aus Misstrauen und Manipulationsversuchen. Joseph Kanon entfaltet sie in einem für das Genre ungewohnt langsamen, belletristischen Erzählstil.

 

Abgesehen von der Schießerei zu Beginn des Romans kommt es kaum noch zu Action-Szenen. In weiten Teilen ist das Buch auch ein Liebesroman, bei dem Bauer zwischen einer komatösen und einer höchst lebendigen Liebsten steht. Dazu kommen aktuelle politische Bezüge zur Gemengelage im Nahen Osten, den heutigen Interessen Israels, der klandestinen Haltung der Türkei sowie der planlosen Politik der Amerikaner. 'Der Plot ist salzsäureklare Realpolitik', schreibt Thomas Wörtche treffend über das Buch.

 

Ein weiterer Bezug besteht zu Graham Greenes 'The Quiet American', wo Idealismus in Fanatismus umschlägt. Der Zweite Weltkrieg ist bei Joseph Kanon kaum zu Ende (bei Greene der Indochina-Krieg), da zeichnet sich ab, dass es einen neuen Krieg geben wird. Zuvor wird man Lügen über den letzten Krieg verbreiten müssen.

 

'Die Istanbul-Passage' beschreibt dies nüchtern, aber mit einer moralischen Haltung, die allerdings nur in einenigen machtlosen Individuen verankert ist. Vielleicht war Joseph Kanon dies alles gar zu sehr eine Studie der Desillusionierung, so dass er zum Schluß noch ein arg hollywoodesk geratenes Happy End in Stellung gebracht hat. Das hätte er nicht nötig gehabt.

 

Von Felix Ruhl 

 

 

 

Brennerova

Haas, Wolf

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Brenner und die Deklination der Frau

 

Jetzt hat er schon wieder einen geschrieben. Eigentlich hatte Wolf Haas seinen Serienhelden Brenner, einen dezidiert langsam, aber hartnäckig seine Hirnwindungen malträtierenden Ex-Polizisten und auch sonst im bürgerlichen Sinn eher als gescheitert zu bezeichnen, im sechsten Band der Reihe sterben lassen wollen.

 

Zur Überraschung nicht so vieler ist Brenner aber von den Toten auferstanden. Gar nicht so überraschend deswegen, weil bereits der erste Brenner-Krimi die Resurrektion im Titel trug ('Auferstehung der Toten', 1996) und bei Wolf Haas immer damit zu rechnen ist, dass ein Hintersinn sich Bahn bricht.

 

Möglich gemacht hat die Wiederauferstehung die raffinierte Erzähltechnik des promovierten Linguisten Haas (Promotionsthema: 'Die sprachtheoretischen Grundlagen der Konkreten Poesie'), denn gestorben ist in 'Das ewige Leben' (sic!) bei näherer Betrachtung der Erzähler, nicht der Held. Kann man sich natürlich fragen, wer der wiedererweckte Erzähler ist, und so weiter und so fort, und schon ist man wieder gefangen von der Sprachakrobatik eines Autors, der österreichischer nicht sein könnte.

 

Und das gleich vorweg: Der geübte Brenner-Leser kriegt wie gewohnt raffiniert zubereitete Lesekost, und der ungeübte wird sich sowieso alsbald die früheren Geschichten besorgen. Jedenfalls steckt der allseits beliebte Brenner jetzt wieder in der Klemme respektive in den Fängen der Wiener Unterwelt, vor allem aber in denen diverser Frauen. Am Anfang will er nur etwas spielen und schaut sich im Internet die Profile gewisser russischer, heiratswütiger Damen an.

 

An sich weiß er, dass dahinter nur Lug und Trug stecken, und er will ja nur spielen, aber dann wird es doch ernst und Brenner steht zusammengeschlagen und ausgeraubt in der russischen Provinz. Schlimmer noch: Die Dame seines Herzens, die er in der Abwesenheit seiner eigentlichen Freundin, die gern einmal esoterische Weltwanderungen unternimmt, kontaktiert hat, bringt ihn dazu, im Wiener Milieu nach ihrer verschollenen Schwester zu suchen. Brenner quält sich fortan durch Tätowierstudios und Bordelle, einige Leute verlieren ihre Hände und diverse Leichen pflastern seinen Weg.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass seine Liebste entführt wird, was die Ermittlungen überlagert, wobei sich die Gespielin auch noch in ihren Entführer verliebt ('Helsinki-Syndrom Hilfsausdruck'), aber lesen Sie selbst.

 

Was ist das Faszinierende an den Brenner-Büchern? Es reizt vor allem der gekonnt in Stellung gebrachte Ballast an Austriakischem. Wir finden bei Haas die postmoderne Fortsetzung der Freud'schen Seelenzergliederung, hochliterarisch verbrämten Klatsch und Tratsch á la Schnitzler oder Doderer, barock-brachialen Humor wie bei den großen Kabarettisten von Qualtinger bis Hader und nicht zuletzt philosophischen Hintersinn.

 

Im geschwätzigen Bewusstseinsstrom der hin und her wabernden Assoziationen und Erinnerungsfetzen steckt ein abgefeimtes Spiel mit dem Unbewussten. Frei nach Wittgenstein sind die vertrackten Fälle, in die Haas seinen Brenner führt, Studien über alles, was man kaum ermitteln, sondern worüber man höchsten fabulieren kann. Bei Brenner kann alles urplötzlich durch wirre Kombinationen Bedeutung erlangen - ein Werbespruch, eine Tätowierung, ein Lied im Radio, und nur die intellektuelle Trägheit eines Simon Brenner kann am Schluß die Fäden des Netzes zusammenführen.

 

Am Ende von 'Brennerova' ist dies wieder einmal der Fall, diesmal sogar, ohne dass Brenner den Beinahetod erleidet. Der etwas gereifte Brenner ist gezwungen, das Prinzip Frau durchzubuchstabieren (was er in früheren Fällen tunlichst vermied) und erfährt die Deklination im eigentlichen Wortsinn (lat. declinare: beugen). Man wird sehen, wohin das führt. Das feminine Doppelgänger-Motiv, mit dem das Buch endet, schreit jedenfalls schon mal nach Fortsetzung, aber sowas von.

 

Von Felix Ruhl

 

 

 

 

 

 

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Tel. 09331/87380

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